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Kunsthaus Zürich | Aristide Maillo

Kunsthaus Zürich | Aristide Maillo

Aristide Maillo war der schärfte Antipode von Auguste Rodin und blieb doch die Nummer 2.

Rodin kennen alle, aber Aristide Maillol? Immerhin ist letzterer der zweit-bedeutendste französische Bildhauer der frühen Moderne und doch stand ihm Rodin zeitlebens im Licht. Eine Überblicksschau im Kunsthaus Zürich sorgt nun dafür, dass der Franzose auch bei einem breiten Zürcher Publikum zu Ehren kommt. Ein Künstler-Mann der mit Vorliebe nackte Frauen darstellte?

Als grosse, einflussreiche Figur, gleichzeitig modern wie zeitlos, verkörpert Maillol mit seiner sinnlichen Kunst die Werte der Klarheit und des Gleichgewichts der Formen, was ihn zum Vollender der klassischen Tradition macht. Die Ausstellung ist als Überblicksschau konzipiert. Ihr Fokus liegt auf der reichen Schaffenszeit vor dem Ersten Weltkrieg, als Maillol seine wahre Berufung entdeckte und als Bildhauer in die Öffentlichkeit trat.

VOM MALER ZUM BILDHAUER
Die Ausstellung vereinigt über 200 Werke. Neben Skulpturen – darunter sämtliche Hauptwerke des Künstlers – auch Gemälde: Maillol hatte seine Karriere als Maler begonnen und schuf in dieser Gattung qualitätvolle Werke, die ausserhalb Frankreichs bislang wenig bekannt sind. Ausserdem zu sehen sind dekorative Objekte, von Maillol gestaltete Tapisserien und zauberhafte Zeichnungen. Gemälde von Zeitgenossen wie Paul Gauguin, Maurice Denis oder Édouard Vuillard ergänzen die Ausstellung und machen Maillols Nähe zu diesen Künstlern erfahrbar.

Gemässigter und klassischer
Plastiken von Rodin oder Antoine Bourdelle ermöglichen dem Publikum, Maillols Schaffen mit demjenigen seiner Zeitgenossen zu vergleichen und es innerhalb der Geschichte der Skulptur zu verorten. Neben Rodins unbändiger, emotional genialisch energetisierten Skulptur, mit der dieser Künstler die Gattung für Frankreich und das 19. Jahrhundert überhaupt neu erfand, wirken Maillols Werke im Ausdruck gemässigter und klassischer. Doch liegt Maillols Modernität im eindrucksvollen Einfügen seiner Figuren in klare Gesamtformen, die oft, auch wenn man es zuerst nicht sieht, auf einer geometrischen Analyse des Körpers basieren – konkret des weiblichen Körpers. Denn während Rodin immer wieder auch männliche Figuren, Paare und ganze Figurengruppen beiderlei Geschlechts gestaltet hat, blieb der «Cézanne der Skulptur», wie Maillol auch bezeichnet wird, der grosse Bildhauer der weiblichen Figur, meist der nackten. Mit grosser Meisterschaft hat er den Frauenakt, sein Lebensthema, verdichtet und am Schluss zu gewaltiger Monumentalität geführt. Während die frühen Skulpturen noch perfekt in die von den Nabis gemalten Interieurs und zum Geist dieser progressiven Künstlergruppe passten, steht Maillol am Ende seines Schaffens als aus der Zeit fallender Titan da. Andere grosse Bildhauer sind längst bei neuen Befragungen von Körper, Sein und Figur angelangt. Maillol jedoch hält am klassischen Körperbild fest, das er virtuos im Bereich der Aktivierung der Massen und der Ponderierung ins tektonisch zuweilen schier Unmögliche überführt.

Ein Künstler-Mann der mit Vorliebe nackte Frauen darstellt?
Maillols Beitrag an die Moderne ist die formal strenge Neuformulierung und Geometrisierung des klassischen weiblichen Aktes in der Skulptur. Inhaltlich aber blieb er damit bei einem stark der Tradition verhafteten Thema der Skulpturgeschichte. Ein Künstler-Mann der mit Vorliebe nackte Frauen darstellt? Vor diesem Hintergrund entstand im Kunsthaus die Idee, die Zürcher Station der Ausstellung, die im Musée d’Orsay konzipiert wurde, um eine Publikation zu ergänzen. In ihr wird ein lebensgrosser Frauenakt Maillols aus der Kunsthaus- Sammlung – «Vénus au collier» – auf eine Reise durch die Museumsräume geschickt und begegnet dort Werken von Künstlerinnen: figuralen und abstrakten Werken, klassizistischen, modernen und zeitgenössischen. Damit wird der inhaltlich gesehen traditionellen Darstellung der Frau bei Maillol die künstlerische Arbeit von Frauen gegenübergestellt, sein Werk aus heutiger Perspektive befragt. Dieser Fotoessay wird durch einen Beitrag der britischen Autorin Catherine McCormack ergänzt: Text und Bilder vermögen somit neue Türen zu öffnen, ohne die bestehende Betrachtung grundsätzlich abzuwerten. So wird ein faszinierender neuer Blick ermöglicht, der zur aktuellen Diskussion beitragen möge.

KOOPERATION MIT BEDEUTENDEN LEIHGEBERN
Die Ausstellung, die in den für wechselnde Präsentationen geschaffenen Räumen des Chipperfield-Baus stattfindet, ist eine Kooperation des Kunsthaus Zürich mit den Musées d’Orsay et de l’Orangerie, Paris und La Piscine – Musée d’art et d’industrie André Diligent, Roubaix. Sie profitiert von der grosszügigen Unterstützung der Fondation Dina Vierny – Musée Maillol.
Der offizielle Katalog «Aristide Maillol (1861–1944). La quête de l’harmonie» ist im April 2022 im Verlag Gallimard in französischer Sprache erschienen (352 Seiten, 304 Abbildungen): mit Beiträgen von Antoinette Le Normand-Romain, Ophélie Ferlier-Bouat, Ioana Jimborean, Nathalie Houzé, Catherine Chevillot, Estelle Bégué, Claire Bernardi, Céline Chicha, Cristina Rodriguez-Samaniego, und Fabienne Stahl. Die Sammlungspublikation «Maillol. Ein anderer Blick / A different view» mit Beiträgen von Philippe Büttner und Catherine McCormack erscheint zum Ausstellungsbeginn in Zürich zweisprachig (DE/EN). Beide Publikationen sind im Kunsthaus-Shop (Katalog CHF 68.–, Sammlungs- publikation CHF 21.–) und im Buchhandel erhältlich.

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